Flucht und Aufnahmeländer

Die vorhergehenden Beiträge geben uns ein Bild davon, welch‘ unmenschliche Leiden unsere Bevölkerung bei Kriegsende und nachher zu erdulden hatte. Hunger, Not und Tod waren ihre ständigen Begleiter. Von Hass, Rache und Habgier beseelte Menschen, Räuber, Diebe und Mörder bestimmten ihr Schicksal. Deshalb wurde ihnen alsbald klar, dass für sie ein Verbleiben in der Heimat unmöglich geworden war und das Ende nur Siechtum oder gewaltsamer Tod sein konnte. Krank, entkräftet und der Verzweiflung nahe, suchten sie nun einen Weg, um dieser Hölle und ihren Schergen zu entrinnen. Es gab nur einen Weg: die Flucht. Sie beinhaltete ein Wagnis auf Leben und Tod. Jedermann war sich klar darüber, dass dieser Weg lang, gefahrvoll und weit sein würde. Fiel man den Partisanen in die Hände, so erwartete einem unmenschliche Quälereien oder sogar der Tod. Dennoch, es musste gewagt werden! Wie bereits erwähnt, waren viele Familien auseinander gerissen. Die Angehörigen dieser Familien zauderten, alleine zu flüchten. Die noch verbliebenen alten Ehepaare sowie Mütter und ihre Kinder waren zumeist gewaltsam voneinander getrennt und in verschiedenen Lagern untergebracht. Im Herbst 1946 wagten als erste diejenigen, die noch beisammen lebten, die Flucht. Der Fluchtweg führte über die nahe rumänische Landesgrenze und von dort durch Ungarn nach Österreich. Andere flohen erst dann, wenn sie sich in einem Lager zusammengefunden hatten. So trafen sich 1947 im Lager Gakowa (Batschka), nahe der ungarischen Landesgrenze, viele Familien wieder. Ein Wiedersehen einzelner Familien gab es auch auf den Staatsgütern; denn arbeitete ein Angehöriger einer Familie dort, so ließen sich die anderen Mitglieder dorthin „verkaufen“, Die Voraussetzungen zur Flucht waren nun geschaffen. Immer fand sich nahe der Grenze ein Ortskundiger, der sich für Geld oder Wertgegenstände bereit erklärte, die Gruppen zu einem Punkt zu führen, an dem die Grenze relativ leicht zu überschreiten war. Solche günstigen Gelegenheiten boten im Sommer die Weizenfelder, im Herbst die Maisfelder. Aber auch im Winter wagten Mütter mit ihren Kindern und alte, entkräftete Großeltern bei großer Kälte, bei Nacht und Nebel den Weg ins Ungewisse. Die eine Hand hatte das Bündel mit den dürftigen Habseligkeiten umfasst, die andere Hand umklammerte das Liebste auf der Welt, die Kinder. Welch erschütterndes Bild! Bei Einbruch der Dunkelheit führte der Ortskundige die Gruppe bis zur Grenznähe, wies ihr die Richtung, kehrte um und überließ die Flüchtenden ihrem Schicksal. Bebenden Herzens schlichen sie in der angegebenen Richtung weiter. Wie atmeten sie auf, als sie die Grenze endlich überschritten hatten! Aber öfters kam es auch vor, dass die Flüchtlinge bei Tagesanbruch enttäuscht feststellen mussten, dass sie sich noch immer auf jugoslawischen Boden befanden. Sie waren im Kreis gegangen. Verborgen in einem Maisfeld harrten sie dann bei glühender Sonnenhitze oder bei strömendem Regen der kommenden Nacht. Nicht selten entdeckten Wachposten eine solche Gruppe, beschossen sie, fingen sie ein und steckten sie anschließend wieder in ein Lager. Ein Lazarfelder Mädchen musste bei der Überquerung der jugoslawisch – rumänischen Grenze sein junges Leben lassen. Hatte man Jugoslawien verlassen, so war erst eine Hürde der Flucht genommen. Man befand sich nun in Rumänien oder Ungarn. Es erwies sich als richtig, die größeren Ortschaften zu umgehen. Die Flüchtlinge übernachteten zumeist in Strohtristen oder im Freien. Nahrungsmittel erbettelte oder erarbeitete man sich. Durch ihre zerlumpte Kleidung zogen unsere Landsleute die Aufmerksamkeit der rumänischen oder ungarischen Behörden auf sich. Festnahmen und Inhaftierungen folgten. Um eine Fahrkarte in die Freiheit zu bekommen, verkauften Männer ihre Mäntel, Frauen ihre Tücher. Zeigte sich einem das Glück hold, so erreichte er nach unsagbarer Anstrengung sein Ziel. Diejenigen aber, die vom Unglück verfolgt waren, mussten oft wochenlange Haftstrafen verbüßen, bis sie ans Ziel gelangten. Es grenzt an ein Wunder, dass unsere Leute, die jahrelanges, unmenschliches Lagerleben hinter sich hatten, diese Strapazen der Flucht meisterten. Sie rannten um ihr nacktes Leben, das in den Hungerlagern jeglichen Sinn verloren hatte. Die den Todeslagern entronnenen Lazarfelder erreichten auf ihren Fluchtwegen zuerst Linz in Österreich, die Sammelstelle der Lazarfelder. Dort erfuhren sie die Anschriften ihrer Angehörigen. Von Linz aus führte sie ihr Weg entweder in ein anderes Lager oder auf Bauernhöfe. Endlich war man der Sorge enthoben, Tag und Nacht in Furcht und Angst zu leben, den Schergen wieder in die Hände zu fallen.

Die Aufnahmeländer, Österreich und Deutschland waren vom Kriege verwüstet, die Städte in Trümmer und Asche gelegt, Wohnungsnot, Elend herrschten überall. Aber mit Anerkennung und Dank muss gesagt werden, dass die Bevölkerung und die Behörden der Zufluchtsländer alles Menschenmögliche unternahmen, um der sich anbahnenden Katastrophe Herr zu werden. So kam doch, zwar etwas langsam, aber stetig Ordnung in die vom Kriege zerstörten Länder. Viele unserer Landsleute blieben in Österreich und gründeten dort eine neue Heimat. Andere strebten nach Übersee, wo ihnen durch Verwandte oder Freunde eine Einreisemöglichkeit geboten wurde. Hier soll nicht unerwähnt bleiben, dass uns Freunde und Landsleute aus Übersee während der Notzeit tatkräftig unterstützten. Innigster Dank gebührt ihnen dafür. Einige Lazarfelder wanderten nach Frankreich aus. Die Mehrzahl aber benützte jede sich bietende Gelegenheit, um legal oder illegal in die Bundesrepublik Deutschland zu kommen. Nachdem im April 1948 Jugoslawien die Vernichtungslager aufgelöst hatte, gelangten auf dem Wege der Familienzusammenführung unsere Landsleute später direkt nach Deutschland. Heute leben wir Lazarfelder in vielen Ländern der Welt. Wir haben dort eine neue Heimat gefunden und eine neue Existenz gegründet. Das Fußfassen in dieser neuen Heimat kostete viel Arbeit, Opfer, Schweiß, Mühe und Ausdauer. Unsere ganze Kraft wurde dazu in Anspruch genommen. Überall, wo wir uns niederließen, blieb uns ob unseres Fleißes Achtung und Anerkennung nicht versagt. In der Bundesrepublik Deutschland fanden 1238 Personen eine neue Heimat. Schwerpunkte bildeten sich in Schwaigern (Württemberg) und in Königsstädten bei Rüsselsheim. In Österreich siedelten 204 Lazarfelder, hauptsächlich in Linz und Umgebung. Nach Übersee, in die USA wanderten 83, nach Kanada 51 Personen, aus. Nach Frankreich gingen 12 und nach England 3 Personen. In der DDR leben 9 Lazarfelder. In Jugoslawien verblieben 18 Personen, die oder deren Kinder Nichtdeutsche geheiratet hatten.

Bevor wir die Geschichte unseres Heimatortes Lazarfeld abschließen, sei uns noch ein kurzer Rückblick auf die einst aufstrebende deutsche Gemeinde gestattet. Viele unserer Häuser lassen die serbischen Kolonisten zerfallen, Friedhof und Friedhofskapelle sind zerstört und das Gotteshaus benützen sie als Getreidelager. Es soll noch hier festgehalten werden, dass von den 700000 Jugoslawiendeutschen etwa 50% nicht flüchten konnten (Banat) oder nicht flüchten wollten (Batschka). Unter der Besatzungsherrschaft der Partisanen mussten mehr als die Hälfte dieser Landsleute, ungefähr 200000, wie schon früher geschildert, ihr Leben lassen. Auch etwa 200000 reichsdeutsche Soldaten starben nach Beendigung des Krieges in der jugoslawischen Kriegsgefangenschaft.


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